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Angst

Alles was du willst,

liegt auf der anderen Seite der Angst.

Die Ursache für chronische Schmerzen

Ein entscheidender Grund, warum neuroplastische Schmerzen entstehen, ist ANGST. Oder in anderen Worten: Stress, Anspannung, Verzweiflung, Verdruss, Unruhe, Sorge ...

Wir neigen dazu, uns vor allem auf Schwierigkeiten zu fokussieren. Um zu verstehen, warum das so ist, werfen wir einen Blick in unsere Vergangenheit. Dazu möchte ich dir eine kleine Geschichte erzählen:

Die nervöse Nina und die furchtlose Frieda

Es waren einmal die beiden Steinzeitfrauen Nina und Frieda. Nina war ängstlich, nervös und zuckte beim kleinsten Geräusch zusammen. Frieda hingegen entspannt, furchtlos und machte sich nie Sorgen. Eines Tages machten sich die beiden Frauen auf den Weg zum Beerenpflücken. Nina zupfte einige Beeren, schaute sich um, lauschte auf jedes Rascheln und Knacken im Gehölz. Frieda lag entspannt im Gras, zupfte ab und zu ein paar Beeren, summte eine leise Melodie und träumte vor sich hin.  
Plötzlich stürzt sich ein Säbelzahntiger auf Frieda und schleift sie mit sich. Frieda ist sofort tot. Und Nina? Die hat ein leises Rascheln in der Ferne gehört, hat aufgeblickt und sich in die Büsche geduckt. Der Säbelzahntiger war noch weit entfernt, da war sie schon längst über alle Berge.

Und? Was zeigt uns die Geschichte abgesehen davon, dass Nina eine miese Kollegin ist? Ja, genau: evolutionär war es von Vorteil, sehr aufmerksam und ängstlich zu sein. Die Wahrscheinlichkeit zu sterben war kleiner.

Wo ist der Säbelzahntiger?

Heute begegnen wir in unserem Alltag eher wenigen Säbelzahntigern … Doch unser Gehirn steckt grösstenteils noch in der Steinzeit fest. Unsere Gefühle entstehen im Unterbewussten und werden von Bodyguard und Limbisch gesteuert – so auch die Angst. Wir wiederum werden von unseren Gefühlen gesteuert. Auch wenn wir oft eine andere Vorstellung haben: In Wahrheit sitzen Bodyguard und Limbisch am Steuer und Neo darf ab und zu entscheiden, welche Ausfahrt wir nehmen - nicht umgekehrt.

Spüren wir Angst, passiert im Körper sehr viel. Der Stressmodus wird aktiviert (Sympatikus). Diverse Hormone werden ausgeschüttet, wir sehen besser, hören schärfer, sind sehr wachsam und in Alarmbereitschaft. In einer tatsächlich gefährlichen Situation ist das super! Musst du zum Beispiel über eine sehr schmale Brücke ohne Geländer über einen Abgrund gehen, sorgt die Angst dafür, dass du hundertprozentig fokussiert bist.

Doch genauso wie der Schalter für die Schmerzen plötzlich ohne Grund festklemmt, kann es auch passieren, dass wir dauernd extrem wachsam sind, ohne dass es eine Gefahr gibt. Das passiert zum Beispiel, wenn du unter Dauerstress stehst, in der Kindheit gelernt hast, dass du immer wachsam sein musst, um zu überleben oder grundsätzlich ein eher ängstlicher Mensch bist. Das Problem dabei? Angst verschärft nicht nur die Sinne, sondern verstärkt auch Schmerzen. Ausserdem kommt der Körper durch die Daueranspannung nicht mehr in den Entspannungsmodus (Parasympatikus). Das Immunsystem und die Verdauung leiden zusätzlich.

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Angst befeuert Schmerz

Dass Angst Schmerzen verstärkt, zeigt eine Studie aus 2008. Die Forscher*innen dachten sich etwas ganz Lustiges aus und arbeiteten mit beängstigenden Bildern und einer Hitzesonde … Die Teilnehmer*innen der Studie sahen sich neutrale und beängstigende Bilder an, während sie immer wieder zufällige Hitzeimpulse erhielten. Obwohl die Impulse immer gleich stark waren, fühlten die Teilnehmer*innen mehr Schmerzen, wenn sie währenddessen ein beängstigendes Bild anschauten. Spannend war ausserdem, dass einige der Teilnehmer*innen plötzlich Schmerzen spürten, wenn sie eines der beängstigenden Bilder anschauten, ohne dass sie von der Hitzesonde berührt wurden.


Kirwilliam SS, Derbyshire SWG. Increased bias to report heat or pain following emotional priming of pain-related fear. Pain. 2008 Jul;137(1):60-65. doi: 10.1016/j.pain.2007.08.012. Epub 2007 Sep 18. PMID: 17881129.

Angst ist also sogar in der Lage, Schmerzen auszulösen! Falls du dich mit dem Wort «Angst» nicht identifizieren kannst: Frustration, Stress, Verzweiflung und Unruhe gehören in dieselbe Kategorie.

Action im Gehirn

Bei Menschen mit chronischen Schmerzen ist es oft so, dass sie ständig angespannt und auf der Hut sind (Hypervigilant). Überall lauern plötzlich Gefahren. Amy ist extrem schreckhaft und interpretiert auch ganz normale Situationen als gefährlich. Dann kann es passieren, dass bei Stress, beim Sitzen auf harten Stühlen, bei zufälligen Lebensmitteln, bei bestimmtes Bewegungen, … folgendes passiert:

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Amy setzt mit ihrem Alarm eine Kettenreaktion in Bewegung, die dazu führt, dass wir uns immer weiter zurückziehen und ganz normale Situationen plötzlich zu Gefahren werden. Die erhöhte Alarmbereitschaft bereitet den Weg für neuroplastische Schmerzen. Wie sie sich entwickeln, weiss man noch nicht so genau, aber grundsätzlich entstehen sie in Lebensumständen mit viel Stress, Druck und Angst.

  • Bei einigen Menschen tauchen die Schmerzen erstmals in sehr stressigen Lebensumständen auf. Das kann ein neuer stressiger Job, finanzielle Schwierigkeiten, familiäre Konflikte, eine Trennung, sogar eigentlich positive Veränderungen wie die eigene Hochzeit oder eine Beförderung sein.

  • Bei anderen Menschen kommt der Stress aus der Vergangenheit. Sie hatten eine schwierige Kindheit und ihr Gehirn ist deshalb sensibler für Gefahren.

  • Auch bestimmte Gewohnheiten können einen in einen dauerhaften Zustand der Anspannung versetzen. Das geschieht zum Beispiel, wenn man sich dauernd Sorgen macht, sich bei Schmerzen sofort das Schlimmste vorstellt, sich selbst stark unter Druck setzen oder kritisiert.

  • Für uns sind soziale Beziehungen sehr wichtig, um uns wohl und sicher zu fühlen. Es kann deshalb auch sein, dass Schmerzen durch Vereinsamung befeuert werden oder als Schutzmechanismus wirken (z.B. um einfacher Nein sagen zu können).

  • Bei mir kamen die Schmerzen nach zwei sehr anstrengenden und stressigen Jahren. So wie die Grippe, die einen erwischt, wenn man endlich Ferien hat…

Wie wir auf diese Schmerzen reagieren, ist entscheidend. Gehörst du auch zu denen, die entweder versuchen durch den Schmerz zu pushen, bestimmte Aktivitäten vermeiden oder sich sofort das Schlimmste ausmalen? Willkommen im Club 😉 Deshalb schauen wir uns nun die Abwärtsspirale aus Angst und Schmerz genauer an. Aber keine Sorge, bald geht’s wieder bergauf!

Angst – Schmerz – Kreislauf

Tauchen Schmerzen auf, ist die Angst oft nicht weit weg. Schmerz = Gefahr = ich muss sehr wachsam sein. Haben wir ausserdem das Gefühl den Schmerzen hilflos ausgeliefert zu sein, führt dieser Kontrollverlust zu noch mehr Angst. Wir sorgen uns um die Arbeit «Bin ich noch in der Lage, meinen Job zu erledigen?», um den Partner, die Partnerin «Jetzt falle ich ihm / ihr schon wieder zur Last», um die Kinder «Meine Kinder haben eine Mutter / einen Vater verdient, der mit ihnen spielen kann.», um Hobbies «Kann ich denn überhaupt noch Laufen gehen?» usw.

Dass solche Gedanken auftauchen ist vollkommen natürlich, aber oft sind sie kontraproduktiv und verstärken den Schmerz. Denn wie das Experiment im Kapitel zuvor gezeigt hat: Angst verstärkt die Schmerzen und manchmal reicht Angst alleine, um Schmerzen auszulösen. Das führt zu noch mehr Angst und noch mehr Schmerz. Willkommen im Teufelskreis…

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Wie kommen wir aus diesem Kreislauf wieder raus?

Dazu gibt es nur einen Weg: Wir müssen die Angst vor den Schmerzen ausschalten, dem Gehirn zeigen, dass die Schmerzen für uns nicht gefährlich sind und ihm so Sicherheit vermitteln. Das Ziel von Pain Reprocessing Therapy ist deshalb ein allgemeines Gefühl von Sicherheit. Wir bringen Amy bei, Situationen wieder richtig einzuschätzen, so dass sie den Rest der Zeit wieder gemütlich chillen kann:

Raus aus den Schmerzen

Habe ich neuroplastische Schmerzen?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen, doch es gibt bestimmte Merkmale, die typisch sind ...

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