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  • Serena

Tommy und das verschluckte Leben

Aktualisiert: 1. Jan.

Es geht schneller, als man denkt

Schmerz umfasst das ganze Leben

Zack! Ehe man’s sich versieht, bestimmt der Schmerz das ganze Leben. Um welche Art von Schmerz es sich dabei handelt, ist ziemlich egal. Herzschmerz, Trauer, chronischer Schmerz, Ausgrenzung … Der Schmerz überzieht alles mit einer Grauschattierung. So als ob die Brille beschlagen ist. Das Leben verliert an Farbe und Kontur und man hat das Gefühl die Orientierung zu verlieren. Ich persönlich finde emotionalen Schmerz schwieriger zu ertragen als körperlichen und kann mich im Nachhinein auch viel besser an das Gefühl erinnern. Für das Gehirn ist es aber egal. In neurowissenschaftlichen Studien hat man herausgefunden, dass bei körperlichen und emotionalen Schmerzen die gleichen Gehirnareale aufleuchten.


Wie (emotionaler) Schmerz das Leben verschlucken kann, hat auch Tommy im Buch „Schwarzsehen für Anfänger“ erlebt – das kann ich wirklich empfehlen und keine Sorge, es ist optimistischer und lebensbejahender, als es der Titel verspricht 😉.



Buchcover Schwarzsehen für Anfänger

Tommy, steht kurz vor seinem 50sten Geburtstag und ist ganz zufrieden mit seinem Leben. Er hat eine tolle Frau, zwei Kinder und arbeitet seit 30 Jahren im gleichen Stahlwerk. Das Leben plätschert so vor sich hin. Bis seine Frau ihm eröffnet, dass sie die Scheidung will. Und nicht nur das. Das Stahlwerk soll aus Kostengründen nach Estland ziehen und allen Angestellten droht die Entlassung. Tommy hat keine Ausbildung und steht nun vor der Vollkatastrophe. Seine Frau führt mit ihrem neuen Lover (zufälligerweise ein sehr erfolgreicher und bekannter Fotograf) ein glückliches Leben, seine Kinder scheint die Trennung nicht gross zu stören, im Gegenteil: seine Tochter ist sogar hin und weg vom neuen Freund und nun droht ihm auch noch der Jobverlust. Die besten Zutaten für eine ausgewachsene Lebenskrise und er fällt in ein tiefes Loch. Als ihm seine Freunde Gesangsstunden bei der berühmten, inzwischen alkoholkranken und in die Jahre gekommenen Opernsängerin Gunnel schenken, weigert er sich erst, hinzugehen. Klar, er und seine Band Crystal Heart standen damals kurz vor dem Durchbruch und er wurde als „beste Stimme innerhalb der Hardrockszene“ gefeiert, aber diese Zeiten sind vorbei. Irgendwann steht er dann doch mehr oder weniger widerwillig bei Gunnel im Wohnzimmer…

 

„Okay, dann machen wir jetzt eine Atemübung“, sagte er resigniert. „Aber danach muss ich gehen. Ich muss… die Kinder vom Training abholen. Kochen.“ Gunnel sah zufrieden aus. „Gut! Dann stehen wir auf.“ Sie dirigiert ihn an denselben Platz wie beim letzten Mal. Tommy stand vor dem Fenster, während Gunnel wie eine Fliege um ihn herumsummte. Ein! Aus! Gerader Rücken, Brust raus, Schultern zurück, den Bauch füllen, auuuusblasen. Sie keuchte, schob und drückte an ihm herum. Nach und nach verliess Tommy die Anspannung. „Soooo, genau“, sagte Gunnel, fuhr mit den Händen über seine Schultern und drückte seine Oberarme. „Spürst du jetzt den Unterschied? Locker und frei bis in die Zehen. So muss es sich anfühlen, wenn du singen willst. Und wenn du leben willst. Grosser Körper, grosse Atmung, grosse Stimme, grosses Leben.“ Nach zehn Minuten fühlte sich Tommy körperlich ganz entpannt. Genau wie nach drei Bier und einem Saunagang. Seine Kopfschmerzen waren schwächer geworden.“ [… ] „Tommy zog die Tür hinter sich zu und verliess das Hochhaus, seltsam erfüllt von irgendetwas. Eine Wärme breitete sich in ihm aus. […] Auf der Heimfahrt sang er. Acht Kilometer Gegröle zu Foreigner.“

Schwarzsehen für Anfänger, S. 167, Cecilia Klang


Schmerz integrieren

Singen macht was mit Tommy. Es macht ihn lebendig, wirkt wie Brandbeschleuniger für sein inneres Feuer und lässt ihn aufblühen. Es macht das, was ihn lebendig fühlen lässt, ein kleines Bisschen grösser. Am Ende des Buchs hat sein Leben an Farbe und Grösse zurückgewonnen. Achtung Spoiler: Er findet einen «neues Normal» mit seinen Kids, hat eine Frau aus seiner Jugend wieder getroffen, seinen Job wird er möglicherweise behalten, er hat vor Publikum gesungen und durchs Singen einen verlorengegangenen Teil von sich selbst wiedergefunden. Der Schmerz über seine Trennung und die Familie, die sich dadurch verändert hat, ist noch da. Aber er ist nicht mehr allumfassend.

Schmerz im Leben integrieren

Das, was Tommy mit seinem Trennungsschmerz gemacht hat, habe ich in den letzten Jahren mit meinen körperlichen Schmerzen gemacht. Ich hatte die Orientierung verloren, da meine üblichen Strategien „Pläne-Machen-Durchziehen“ und „Durchhalten-Komme-Was-Wolle“ nicht mehr funktionierten. Als ich durch die beschlagene Brille nichts mehr sehen konnte, musste ich lernen, mich auf meine anderen Sinne zu verlassen, insbesondere auf meine innere Stimme, und habe mich so Schritt für Schritt voran getastet. Ich habe mich besser kennengelernt, habe gelernt, auf meine Instinkte zu vertrauen und habe herausgefunden, was mir im Umgang mit den Schmerzen hilft. Und ebenso, wenn nicht noch wichtiger, habe ich herausgefunden, was mir gut tut und mich lebendig fühlen lässt.

 

Ich will meine Spass-Nervenfasern wiederhaben!

Ganz zentral war für mich dieses Jahr, wieder die pure Freude und Lebenslust zu spüren. Sozusagen mein Jahresmotto 😉. Ja, ich weiss, ein wenig traurig, dass die mir abhanden gekommen ist, aber durch die Schmerzen war auch Freude eingetrübt, nicht mehr so rein wie früher und ich habe sie deutlich weniger empfunden. Wie ich herausgefunden habe, ist das sogar neurologisch erklärbar, denn bei während bei gesunden Menschen 5% der Schmerzmatrix (also der Bereiche im Gehirn, die aktiv werden, wenn man Schmerz empfindet) dafür zuständig sind, Schmerzen zu verarbeiten und sich die restlichen 95% um andere Dinge kümmern, kann dieser Anteil von schmerzverarbeitenden Nervenfasern bei Menschen mit chronischen Schmerzen auf bis zu 25% ansteigen. Das bedeutet, dass das Gehirn weniger Kapazitäten hat für andere Funktionen, wie z.B. Aufmerksamkeit, Konzentration, Empathie und Freude (Schreiber, 2020, S.28). Alles zu Gunsten der Schmerzen! Krass oder? Nicht nur das Leben dreht sich immer mehr um Schmerz, auch im Gehirn fokussiert sich viel Brainpower auf dieses Thema.

 

Deshalb wurde es höchste Zeit, dass ich mir diese Nervenfasern zurückerobere 🔫😎💪!


Meine Strategien dabei:

 

Mein Körper – mein Kompass Wenn man genau hinhört, bzw. hinfühlt, gibt der Körper ziemlich klare Signale. So habe ich herausgefunden, wo es mich hinzieht, welche Menschen mir gut tun und welche Aktivitäten mir tiefe Freude bereiten. Auf meiner To Do Liste landen nun besonders viele von diesen Orten, Menschen und Tätigkeiten.


In der Freude baden 

Ich habe bei mir beobachtet, dass ich Freude wegdrücke. Unbewusst. Wie ich durch Curable gelernt habe, ist das sehr verbreitet unter Menschen mit chronischen Schmerzen und ein Schutzmechanismus - so seltsam das auch klingt. Eindrücklich offensichtlich wurde mir das, als ich mit meinem Auto beim Reifenwechsel war und ich dort auf der Wartebank ein richtig nettes Mail las, das mir eine Besucherin dieser Website geschrieben hat (Danke nochmal dafür 🥰). Sie dankte mir und fand total liebe Worte, die in mir eine Welle der Freude ausgelöst haben … die jedoch sofort von meinem inneren Kritiker gestoppt wurde. Er erstickte die Freude im Keim, indem das Mail auseinandernahm und unzählige Gründe fand, warum ich mich jetzt nicht freuen sollte. Krass!

Deshalb trainiere ich intensiv Freude-Fühlen 🤩. Das tue ich, indem ich den kleinsten Freudefunken nachspüre, ihnen mehr Raum gebe und so dass das Gefühl durch den ganzen Körper sprudeln lasse. Einfach herrlich 😊


Eine Frau badet in Freude

Vom Leisten zum Leben 

Wie viele trieb mich der Glaubenssatz «Wenn ich nichts leiste, werde ich nicht geliebt / bin ich nichts wert» zu Höchstleistungen an. Problematisch ist aber, dass dann Angst zum treibenden Faktor wird. Einen Glaubenssatz zu kennen und einen Glaubenssatz loszulassen, sind zwei unterschiedliche Dinge. Ich habe mich gescheut, denn ich war davon überzeugt, ohne diese Angst als Antreiber nur noch faul in der Ecke zu liegen 🦥🥱. Weit gefehlt! Ich bin zwar immer noch dran, dieses doofe Leisten und To-Do müssen aus meinem Leben zu kicken (zumindest dort, wo es wirklich nichts zu suchen hat, nämlich in meiner Freizeit), aber es ist schon wesentlich besser geworden. Und siehe da 😊 Ich liege nicht nur faul in der Ecke herum. Nein. Ich tue mehr oder weniger das Gleiche wie zuvor, aber ich fühle mich viel besser dabei. Ich schreibe, wenn ich das Bedürfnis dazu verspüre und habe erst vor wenigen Wochen zum ersten Mal seit langem aus purer Freude heraus gemalt. Man muss sich das mal vorstellen 😆. Selbst dort hatte ich einen krass kritischen Blick und eine Liste zum Abhäkeln im Hinterkopf. Es ist sehr befreiend, mehr nach meinem Gefühl zu gehen. Dann kann es auch mal passieren, dass ich bis um Mitternacht schreibe oder am Morgen aus dem Bett steige und eine Runde tanze - einfach weil ich Lust dazu habe.


Spielräume nutzen

Es gibt immer Möglichkeiten, sich das Leben fröhlicher und farbiger zu gestalten. Anstatt die Dinge so hinzunehmen, wie sie sind, frage ich mich etwas öfters "Was kann ich tun, um diese Situation - jetzt in diesem Moment - lebendiger oder angenehmer zu gestalten?" Das sind meistens ganz kleine, langweilige Dinge wie zum Beispiel, dass ich mich in einen Song fallen lasse, der gerade im Radio läuft, das Zwitschern der Vögel geniesse (sehr abgenutzt, ich weiss, aber es ist einfach schön), im Schulzimmer ein künstliches YouTube Kaminfeuer auf der digitalen Leinwand abspiele, damit es gemütlicher wird, mir einen Kaffee hole, um die Hände zu wärmen, einer Freundin schreibe, einen kleinen Spaziergang mache und mich vom Plätschern des Bachs davon tragen lasse oder mich in einer schwierigen Situation auf den Atem zu fokussieren, um mich zu verankern.

Und dann gibt es natürlich auch die grossen Spielräume, mit denen man sein Leben in eine komplett neue Richtung bewegen kann. Da bin ich gerade dran, diese Spielräume zu erkennen und herauszufinden, was ich in Zukunft damit anfangen möchte. Es bleibt spannend😉.

 

Soweit, so zu mir…

 

Ich wünsche euch allen einen guten Start ins neue Jahr und hoffe, dass ihr euer Leben im kommenden Jahr mit ganz vielen Dingen füllen könnt, die euch guttun, euch Freude bringen und das Feuer in euch in ein Feuerwerk verwandeln. Happy new year 🥳✨🍾🎉

 

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