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Die Rolle des Gehirns

Das menschliche Gehirn ist schon faszinierend. Es funktioniert 24 Stunden am Tag von Geburt an und setzt nur aus, wenn man eine Prüfung hat oder mit jemandem spricht, den man heiss findet. 😉

Eine rätselhafte rosa-gräuliche Masse

Lange war das Gehirn eine Blackbox. Wir wussten, dass Signale aus dem Körper hineingehen, dort irgendwie verarbeitet werden und dann eine Reaktion entsteht. Wie das genau vor sich geht, wussten wir nicht, denn wir hatten keine Möglichkeit, ins Gehirn hineinzuschauen.

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Das änderte sich in den 80er Jahren mit der Erfindung des MRI oder MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie). Die Technik entwickelte sich weiter und heute kann man nicht nur Scans vom Gehirn machen, sondern sogar in Echtzeit aktive Bereiche des Gehirns beobachten. Dafür verwendet man fMRI (functional MRI). So weiss man heute viel mehr über das Gehirn.

Teile des Gehirns und ihre Aufgaben

Im Gehirn gibt es verschiedene Teile, die unterschiedliche Aufgaben haben. Alle sind auf ihre Art wichtig, wenn wir Schmerzen besser verstehen wollen. Im Grossen und Ganzen besteht das Gehirn aus drei Bereichen: dem Reptiliengehirn, dem Säugetiergehirn und dem Neocortex. Bei Schmerzen spielen zudem die Amygdala und der Thalamus im Säugetiergehirn eine Rolle.

 

Damit du dir die Teile besser vorstellen kannst - Meet the crew:

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Das Reptiliengehirn: Hello Bodyguard!

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Das Reptiliengehirn (Hirnstamm) liegt zwischen dem Rückenmark und dem Rest des Gehirns. Es ist der älteste Teil des Gehirns. Das Reptiliengehirn regelt unsere Atmung, unseren Kreislauf und die Verdauung. Und das ohne, dass wir je einen Gedanken daran verschwenden müssten. 

Allerdings würde das Reptiliengehirn darauf auch nicht reagieren. Es reagiert nur auf Emotionen und Signale von Körper. Zum Beispiel, wenn wir aufgeregt sind und sich deshalb die Atmung beschleunigt.

Wenn es gefährlich wird, sorgt das Reptiliengehirn wie ein Bodyguard für unser Überleben. Blitzschnell entscheidet es, was zu tun ist: wegrennen, verstecken oder angreifen. Mit diesen Strategien sorgt Bodyguard schon seit Urzeiten für unser Überleben.

Schmerzen sorgen oft für Dauerstress im Reptiliengehirn. Es ist deshalb hilfreich zu lernen, wie man seinen inneren Bodyguard beruhigen kann.

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Bodyguard

Das Säugetiergehirn: Hey Limbisch!

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Zwischen dem Reptiliengehirn und der Neocortex liegt das Säugetiergehirn (Zwischenhirn). Ein wichtiger Teil davon bildet das limibische System – oder in persona: Limbisch. Limbisch ist für Gefühle, Triebe und die Hormonregulation zuständig. 

Gemeinsam mit Bodyguard steuert Limbisch das vegetative Nervensystem. Das ist für alle Körperfunktionen zuständig, die unbewusst ablaufen. Unter anderem steuert das vegetative Nervensystem die Atmung, die Verdauung, den Kreislauf, den Schlaf-Wach-Rhythmus und den Hormonhaushalt.

Limbisch

Limbisch ist gesellig. Das hat seinen Ursprung in unserer Geschichte: Säugetiere sind in einer Gruppe sicherer. Deshalb fühlt sich Limbisch bei genug zwischenmenschlicher Nähe und Geborgenheit wohl und entspannt. Ist Limbisch entspannt, ist es auch der Bodyguard. Der Herzschlag ist ruhig, die Atmung entspannt und die Verdauung funktioniert hervorragend. Hat Limbisch jedoch Angst oder ist gestresst, wird der Bodyguard aktiv. Gemeinsam aktivieren sie den Hormonhaushalt und schütten Stresshormone aus. Das Gehirn wird weniger durchblutet, damit den Muskeln, dem Herz und der Lunge genug Energie zur Verfügung steht, um entweder zu fliehen, zu kämpfen oder sich zu verstecken – unsere drei Überlebensstrategien.

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Limbisch spielt bei Schmerzen oft eine grosse Rolle. Emotionen und das Gefühl in Sicherheit zu sein oder eben nicht, sind fest verwoben mit Schmerzen. Ein bewusster Umgang mit unseren Emotionen, insbesondere mit der Angst ist wesentlich, um chronische Schmerzen zu lindern. Warum, erfährst du später.

Die Amygdala: Hi Amy!

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Die Amygdala gehört zum Säugetiergehirn. Sie bewertet, was wir wahrnehmen und fügt passende Emotionen hinzu. Dadurch können wir angemessen auf eine Situation reagieren. Zu Amys wichtigsten Aufgaben gehört, gefährliche Situationen wahrzunehmen. Schlägt Amy Alarm, entsteht das Gefühl der Angst und es werden entsprechende Botenstoffe, wie Adrenalin, Dopamin oder Serotonin ausgeschüttet.

Amy

Hat eine Person chronische Schmerzen, gerät Amy oft aus dem Gleichgewicht. Sie kann nicht mehr richtig beurteilen, welche Situationen gefährlich sind. Deshalb löst sie Fehlalarme aus, die sich schlussendlich als Schmerzen äussern. Das führt wiederum dazu, dass die Person in Zukunft solchen vermeintlich «gefährlichen» Situationen aus dem Weg geht und sich immer mehr einschränkt.

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Thali

Der Thalamus: Olà Thali!

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Der Thalamus gehört ebenfalls zum Säugetiergehirn. Er liegt an der Schwelle zu unserem Bewusstsein und ist für unsere Wahrnehmung zuständig. Er weiss, was uns gerade wichtig ist oder wofür wir uns im Moment interessieren. Aus den tausenden von Sinneseindrücken leitet er dann nur die wichtigen Informationen an unser Bewusstsein weiter. Von ungefähr 275 000 Informationen, die auf unseren Köper einprasseln, nehmen wir nur eine bewusst wahr! Unglaublich, nicht?

Das führt dazu, dass wir trotz Umgebungsgeräuschen konzentriert in einem Café arbeiten können, wir vor einem Autokauf nur noch Autos sehen oder bei unerfülltem Kinderwunsch die Strassen plötzlich voller glücklicher Familien und schwangeren Frauen sind.

Thali kann uns dabei helfen, positiv auf Limbisch und Bodyguard einzuwirken.

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Neo

Der Neocortex: Servus Sensei Neo!

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Der Neocortex besteht aus Gross- und Kleinhirn. Neo ist für alles zuständig, das wir bewusst machen. In der linken Hirnhälfte geht es rational zu und her. Hier wird nachgedacht, Meinungen werden gebildet, es wird geplant und strukturiert. In der rechten Hirnhälfte regiert die Kreativität. Da wird geschrieben, gezeichnet, kreiert, getanzt und gemalt. Die beiden Hirnhälften sind mit einem Balken miteinander verbunden.
Entwickelt vor «erst» 200 000 Jahren, ist Neo das neuste Upgrade, das wir von der Evolution erhalten haben.

Im Vergleich zu Bodyguard und Limbisch ist Neo ein Kind – allerdings ein sehr kluges, rationales Kind. Die beiden haben sich noch nicht ganz an Neo gewöhnt und finden seine Entscheidungen manchmal ziemlich seltsam. Kein Wunder, sind doch Bodyguard mit 300 Millionen Jahre und Limbisch mit 100 Millionen Jahren regelrechte Urgrosseltern von Neo. Sie melden sich dann zum Beispiel als den berühmten inneren Schweinehund, der uns einredet, dass es eine ganz schlechte Idee ist, jetzt zum Sport zu gehen und dass das Sofa die bessere (sicherere) Wahl ist.

Die Nervenverbindungen von Limbisch und Bodyguard zu Neo sind besser ausgebaut als umgekehrt. Das heisst Limbisch und Bodyguard lassen sich von Neo nicht gerne reinreden und wenn er nicht aufpasst, ist ihr Einfluss auf ihn ziemlich gross.

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Möchtest du selbst wieder im Zentrum deines Lebens stehen und den Schmerzen ihre Macht nehmen, ist Neo dein bester Verbündeter. Du kannst lernen, ihn richtig zu nutzen, damit Ruhe im System einkehrt.

Vier grosse Entdeckungen

Nicht nur in der Hirnforschung insgesamt, auch in der Schmerzforschung konnte man dank fMRI grosse Fortschritte machen. In den letzten Jahren wurden hunderte von Studien durchgeführt, die sich mit der Verarbeitung von Schmerz im Gehirn befassten. Obwohl noch immer viele Fragen offen sind, machte man vier entscheidende Entdeckungen:

1. Akute Schmerzen und chronische Schmerzen sind sehr unterschiedlich: Bei chronischem Schmerz werden andere Bereiche im Gehirn aktiv als bei akutem Schmerz.

2. Schmerz ist kompliziert. Es existiert nicht «DAS Schmerzzentrum». Nein, bei Schmerzen werden im Gehirn bis zu vierundvierzig Bereiche aktiv.

3. Ob der Schmerz emotional oder körperlich ist, ist dem Gehirn egal. Es werden die gleichen Bereiche aktiviert.

4. Nur weil man Schmerzen hat, heisst das nicht, dass eine körperliche Verletzung vorhanden ist. Man kann Verletzungen haben, die nicht schmerzen (z.B. Bandscheibenvorwölbung). Man kann Schmerzen haben ohne Verletzung (z.B. Kopfschmerzen). Man kann sogar Schmerzen haben ohne das entsprechende Körperteil (z.B. Phantomschmerz).

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Wissenschaftler*innen begleiteten zum Beispiel Menschen, die sich kürzlich am Rücken verletzt hatten. Zu Beginn zeigten die fMRI Scans, dass die normalen Schmerz-Bereiche des Gehirns aktiv waren. Doch als die Schmerzen chronisch wurden, veränderte sich etwas in ihrem Gehirn: Die Aktivität wechselte zu Bereichen des Gehirns, die für Erinnerung und Lernen zuständig sind. Ihr Schmerz ist neuroplastisch (auch noziplastisch genannt) geworden. Das heisst, ihr Gehirn hat gelernt, Schmerzen auszulösen. Die Schmerzen sind echt, die Ursache liegt jedoch nicht mehr in der Rückenverletzung, sondern in ihrem Gehirn.

Hashmi JA, Baliki MN, Huang L, Baria AT, Torbey S, Hermann KM, Schnitzer TJ, Apkarian AV. Shape shifting pain: chronification of back pain shifts brain representation from nociceptive to emotional circuits. Brain. 2013 Sep;136(Pt 9):2751-68. doi: 10.1093/brain/awt211. PMID: 23983029; PMCID: PMC3754458.

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